Mobilität im ländlichen Raum

Jung. Frei. Europäisch.

Mobilität im ländlichen Raum

14. Juli 2019 Allgemein Kolumne 0

Wenn ich an der Haltestelle in meinem Dorf mit dem Auto vorbeifahre, denke ich: „Gott sei Dank, habe ich das Problem mit den Bussen, unbequemen Abfahrtzeiten, Verspätungen und damit das Verpassen des Zuges nicht mehr. Ich bin mobil bei jedem Wetter … immer, auch am Wochenende!“. Die Freude vergeht aber schnell, wenn ich an viele Rentner, Schüler oder andere Einwohner denke, die kein Auto haben und aus verschiedenen Gründen (Wetter, technische Probleme, Gesundheit) kein Fahrrad fahren können und damit auf die Busverbindung angewiesen sind. Sollten sie dann in eine Stadt ziehen, sich an das „unmobile“ Leben gewöhnen oder gibt es eine Möglichkeit, mobiler im ländlichen Raum zu werden? Und dass die Nutzung von ÖPNV erwiesenermaßen das Klima schont, ist auch nicht gerade eine Nebensächlichkeit…

Sowohl das Leben in einer Stadt als auch das Leben in einem Dorf hat seine Vor- und Nachteile. Ruhig, schön, natürlich, doch auch mühsam ist das Leben im Dorf. Viele entscheiden sich dafür, weil sie sich genau dieses ruhige Leben in der Natur nach dem Arbeitsstress gönnen möchten. Kann diese Entscheidung von der Verfügbarkeit von Mobilität abhängig sein? Ich finde nicht.

Ein Dorf hat besonders viel Reiz für ein Familienleben: Grundschulen, Kindergärten, Spielplätze … Vieles kann man in den meisten Dörfern heutzutage finden, außer einer guten ÖPNV-Anbindung. Da ich aus einer Großstadt komme, ich dort immer Nahverkehr vor meiner Tür hatte und mir keine Sorgen um Busse machen musste, war es für mich schwierig, mich an das „andere Leben“ zu gewöhnen. Zumindest konnte ich ein Fahrrad fahren. Wenn ich aber ältere Menschen an der Haltestelle im Dorf sehe, verstehe ich, dass der Verweis auf das Rad alleine nicht ausreichend ist.

Schön ist es, wenn man ein Auto oder ein Fahrrad hat. Doch wohnen in einem Dorf nur Menschen, die ein Auto haben oder ein Fahrrad fahren können? Soll das eine Voraussetzung für das Wohnen in einem Dorf sein? Es ist kein Geheimnis, dass im ländlichen Raum weniger Freizeit-, Einkaufs-, Bildungs- und Sozialangebote vorhanden sind. Zum Glück gibt es eine Stadt in der Nähe, die diese Angebote mit abdeckt. Allerdings lässt sich diese häufig an Wochentagen nur einmal pro Stunde und an Wochenenden 2-4 Mal am Tag mit einem Bus erreichen.

Dies bedeutet, dass Schüler, einige Studenten, Auszubildende, manche Angestellten und Arbeiter sowie viele Rentner auf den Nahverkehr und damit auch auf die Zeiten angewiesen sind. Während an Wochentagen die Busverbindungen vielleicht noch ausreichen, ist es sonntags für diese Bürger kaum möglich etwas zu unternehmen, jemanden im Krankenhaus zu besuchen oder ein Eis in der Stadt essen zu gehen, ohne ein Taxi zu rufen oder jemanden fürs Fahren zu fragen. Davon sind vor allem Rentner betroffen, die aus gesundheitlichen Gründen auch verständlicherweise kein Fahrrad fahren können. Wenn sich keine Mitfahrgelegenheit ergibt, bleiben viele sonntags zu Hause.

Ein weiteres Problem der Mobilität im ländlichen Raum ist die Verbindung zwischen nahe liegenden Dörfern, die miteinander nur über die naheliegende Stadt verbunden sind. Dies nimmt nicht nur viel Zeit in Anspruch, sondern ist auch oft ein riesiger Umweg.

Schwierig wird das Problem auch dadurch, dass es sich für Busunternehmen nicht lohnt, für ein paar Leute mehr Busverbindungen einzurichten. Doch meiner Meinung nach sollte ein Krankenhaus von jeder Ecke zumindest zwei Mal am Tag erreichbar sein. Es soll mehr Verbindungen in die Nachbardörfer geben sowie an Wochenenden in die Stadt. Daran sollte man vor allem jetzt arbeiten und dies unterstützen, auch weil Busse umweltschonender als Autos sind.

Zu den Bussen gibt es heutzutage auch andere Alternativen. Im Jahre 2015 wurde das Projekt „E-ifel mobil“ getestet, bei dem E-Autos als Dorfhüpfer angeboten wurden. Somit ergaben sich viele Mitfahrgelegenheiten auch für diejenigen, die kein Auto besaßen. Dies war ein guter Anfang für die Lösung der Mobilitätsfrage im ländlichen Raum: nicht nur bequem, sondern auch gut für die Umwelt. Viele Dorfbewohner haben mit dem Angebot auf das zweite Fahrzeug in der Familie verzichtet. Doch sollte diese Möglichkeit auch für andere Dörfer und Gebiete angeboten werden. Natürlich passiert das nicht von alleine und soll deswegen von der Politik unterstützt werden. Darüber hinaus sollten die Angebote der Sharing-Diensten erweitert werden. Auch die Einrichtung von Busangeboten, die bestimmte Linien bei Bedarf z.B. nach online- oder telefonischer Reservierung anfahren, kann die Mobilität der Bürger erhöhen. Insbesondere auf Touren, die aus wirtschaftlichen Gründen nicht regelmäßig bedient werden können, machen solche bedarfsgerechten ÖPNV-Angebote Sinn.

Nur solche bedarfsgerechten Konzepte können die Probleme der Mobilität im ländlichen Raum lösen, sodass ältere Menschen, Schüler etc. weiter mobil bleiben oder sogar mobiler werden. So brauchen sie die Sonntage nicht zu Hause verbringen, sondern kommen an ihr Ziel,ohnedass sie zwingend ein (zweites) Fahrzeug brauchen.

 

Violetta Pickart
JU-Mitglied seit 2017
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